
Boehringer setzt auf Tübinger Virusplattform für Krebsimpfstoffe
Boehringer Ingelheim erweitert sein Portfolio in der Krebsimmuntherapie um eine ungewöhnliche Impfstoffplattform. Der Pharmakonzern hat mit der Tübinger Prime Vector Technologies (PVT) eine exklusive Lizenzvereinbarung über deren Orfvirus-(ORFV)-Technologie geschlossen. Ziel ist die Entwicklung einer neuen Generation von Krebsimpfstoffen, die sowohl als eigenständige Therapie als auch in Kombination mit weiteren onkologischen Wirkstoffen von Boehringer eingesetzt werden sollen. Finanzielle Details bleiben im Verborgenen.
Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim erweitert sein Portfolio in der Krebsimmuntherapie um eine ungewöhnliche Impfstoffplattform. Mit der Tübinger Prime Vector Technologies (PVT) schloss das Unternehmen Anfang Juli eine exklusive Lizenzvereinbarung über deren Orfvirus-(ORFV)-Technologie. Ziel ist die Entwicklung einer neuen Generation von Krebsimpfstoffen, die sowohl als eigenständige Therapie als auch in Kombination mit weiteren onkologischen Wirkstoffen von Boehringer eingesetzt werden sollen. Finanzielle Details nannten die Unternehmen nicht.
Warum ausgerechnet das Orfvirus?
Das Orfvirus (ein Parapoxvirus) ist vor allem als Erreger einer harmlosen Hauterkrankung bei Schafen und Ziegen bekannt. Für die Impfstoffentwicklung besitzt es jedoch Eigenschaften, die Virologen und Immunologen seit Jahren interessieren. Das Virus löst sowohl starke Antikörperantworten als auch ausgeprägte T-Zell-Antworten aus – zwei Komponenten, die insbesondere bei therapeutischen Krebsimpfstoffen entscheidend sind.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zu Adenoviren bildet der menschliche Organismus gegen ORFV offenbar nur eine geringe Anti-Vektor-Immunität aus. Das bedeutet, dass derselbe Vektor mehrfach verabreicht werden kann, ohne dass das Immunsystem zunächst den Transporter eliminiert. Gerade für Krebsimpfstoffe, die häufig wiederholt appliziert werden müssen oder verschiedene Tumorantigene nacheinander präsentieren sollen, ist dies ein wichtiger Vorteil.
Außerdem lässt sich das Virus genetisch vergleichsweise flexibel verändern. Mehrere Tumorantigene können gleichzeitig eingebaut werden, wodurch sich sogenannte Multiantigen-Impfstoffe entwickeln lassen. Solche Ansätze sollen verhindern, dass Tumoren dem Immundruck durch den Verlust einzelner Zielantigene entkommen (* siehe dazu: Advancing ORFV-Based Therapeutics to the Clinical Stage; Matthias Helmold, Ralf Amann, published: 09 May 2025 https://doi.org/10.1002/rmv.70038).
Von COVID-19 zur Krebsimmuntherapie
Lange blieb das Potenzial des Orfvirus allerdings weitgehend theoretisch. Es fehlten skalierbare Herstellungsverfahren sowie klinische Daten beim Menschen. Diese Hürden sieht PVT inzwischen überwunden. Das Unternehmen hat seine Plattform ursprünglich im Rahmen eines COVID-19-Impfstoffprogramms entwickelt und bis in eine Phase I/IIa-Studie geführt. Parallel etablierte die Ausgründung der Universität Tübingen einen GMP-konformen Herstellungsprozess und sammelte umfangreiche präklinische Sicherheitsdaten. Damit verfügt die Plattform heute über eine deutlich höhere technologische Reife als frühere ORFV-Ansätze.
Auch außerhalb klassischer Impfstoffanwendungen erregte das Virus Aufmerksamkeit. Präklinische Studien deuten darauf hin, dass ORFV selbst eine ausgeprägte immunstimulierende Wirkung im Tumormilieu entfalten kann. Das Virus könnte sogenannte immunologisch „kalte“ Tumoren – also Tumoren mit nur geringer Immunzellinfiltration – in „heiße“ Tumoren umwandeln, die besser auf Immuntherapien ansprechen. Dadurch erscheint die Plattform nicht nur für Krebsimpfstoffe, sondern auch für Kombinationen mit Checkpoint-Inhibitoren oder anderen Immuntherapien interessant.
Universeller Krebsimpfstoff statt personalisierter Vakzine?
Bemerkenswert ist auch Boehringers strategischer Ansatz. Das Unternehmen spricht ausdrücklich von „off-the-shelf“-Krebsimpfstoffen. Anders als personalisierte mRNA-Impfstoffe, die individuell für jeden Patienten hergestellt werden, sollen ORFV-basierte Vakzinen standardisiert produziert und unmittelbar eingesetzt werden können. Voraussetzung dafür sind Tumorantigene, die bei vielen Patienten vorkommen.
Ob sich dieser Ansatz klinisch durchsetzt, muss sich allerdings erst noch zeigen. Der Wettbewerb bei therapeutischen Krebsimpfstoffen ist inzwischen groß: Neben personalisierten mRNA-Plattformen rücken zunehmend auch virale Vektoren, dendritische Zellimpfstoffe und Kombinationen mit Checkpoint-Inhibitoren in den Fokus.
Plattform für mehrere Anwendungen
Für Boehringer bedeutet die Vereinbarung vor allem Zugang zu einer flexiblen Vektorplattform. Das Unternehmen will ORFV sowohl für eigenständige Krebsimpfstoffe als auch in Kombination mit bestehenden Programmen seiner Onkologie-Pipeline evaluieren.
PVT wiederum verfolgt eine Plattformstrategie. Die exklusive Lizenz umfasst den Onkologiebereich, während das Unternehmen die ORFV-Technologie weiterhin auch für Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten und für andere prophylaktische oder therapeutische Anwendungen entwickeln möchte.
Prime Vector Technologies wurde 2019 als Ausgründung der Universität Tübingen gegründet und im EXIST-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Für Dr. Ralf Amann und Dr. Melanie Müller war dies die erste Firmengründung. Mit den bisherigen Finanzmitteln konnte die Präklinik absolviert und in der ersten klinischen Phase eine Validierung des Ansatzes bei Infektionskrankheiten erzielt werden. Durch die nun geschlossene Vereinbarung erhält die Plattform erstmals einen großen industriellen Partner für die Weiterentwicklung in der Krebsimmuntherapie. „Wir freuen uns, mit einem Partner mit so großer Erfahrung in Wissenschaft und Entwicklung das Potential der ORFV-Platform in der Onkologie auszutesten“, kommentierte CEO Ralf Amann.
Technologie erklärt: Warum das ORF-Virus interessant ist
Das Orfvirus (ORFV) dient als Transportvehikel für Impfstoffantigene und unterscheidet sich von den häufig verwendeten Adenoviren dadurch, dass es nur eine geringe Anti-Vektor-Immunität auslöst. Dadurch könnte derselbe Vektor mehrfach eingesetzt werden – ein wichtiger Vorteil für therapeutische Krebsimpfstoffe.
Die Plattform kann mehrere Tumorantigene gleichzeitig übertragen und aktiviert sowohl Antikörper als auch zytotoxische T-Zellen. Beides gilt als wichtig für eine wirksame Immunantwort gegen Krebs. Die doppelsträngige DNA des Virusgenoms stimuliert zudem das angeborene Immunsystem über den cGAS-STING-Signalweg (siehe auch: 2025 May 9;35(3):e70038. doi: 10.1002/rmv.70038).
Zudem verfügt Prime Vector Technologies bereits über einen GMP-konformen Herstellungsprozess und erste klinische Erfahrungen aus einer Phase I/IIa-Studie mit einem ORFV-basierten COVID-19-Impfstoff. Präklinische Daten deuten außerdem darauf hin, dass ORFV immunologisch „kalte“ Tumoren für das Immunsystem besser angreifbar machen könnte – ein möglicher Vorteil für Kombinationen mit anderen Krebsimmuntherapien.

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